masterclass mit pierre audi

opernregisseur verrät dramaturgie-tricks

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der vater muss die eigene tochter oder den eigenen sohn töten. was für ein drama! kommt im wirklichen leben ja selten vor. in der mythologie aber schon. und in der oper auch...

"oper ist mythologie"

deshalb sieht regiestar pierre audi auch beide eng miteinander verwoben: "opera is mythology, is us". Das postuliert er zumindest in seinem vortrag an der universiteit van amsterdam: ein vortrag, der gepaart ist mit einer open masterclass unf im rahmen eines fellowships der geisteswissenschaftlichen fakultät an der uva nun schon zum dritten mal stattfindet.


30 jahre lang hat pierre audi de nationale opera als direktor geleitet; bald wird er sowohl in new york als auch in aix-en-provence arbeiten. er ist ein echter regiestar - und ein glücksfall für die dramaturgie-studenten der uva. die formel seines vortrags (oper = mythologie = existenzielle entscheidungen und große gefühle = unser leben) kommt zwar etwas verkürzt und abstrakt daher. umso konkreter und greifbarer wird es dann aber, wenn pierre audi mit den drei dramaturgie/regie/gesangsteams deren kleine probearbeiten begutachtet.

 

Mozart, Gluck und Carissimi

es sind zentrale szenen aus glucks orfeo ed euridice (1762), aus mozarts idomeneo (1781) und aus carissimis jephte (1650). auf einführung und gesangspart folgt jeweils eine kritik des inszenierungsversuchs durch pierre audi. dabei geht es nicht um die gesangliche leistung, sondern  um die dramaturgischen ideen: wie glaubwürdig und ästhetisch gelungen sind die inszenierungsideen? wie lässt sich eine hochdramatische situation am besten in bildern einfangen?

Szene aus Jephte von Carissimi

 

granatapfel, wolle und muscheln

an sich sind die studentischen teams klug an die aufgabe herangegangen: sie haben auf eine überladene bühne verzichtet und sich im wesentlichen auf ein symbolisches requisit beschränkt: ein gehäkeltes wolltuch, eine linie aus muscheln, einen geteilten granatapfel. fantasievolle ideen, die allerdings pierre audis scharfem blick und seinem hartnäckigen nachfragen nicht bedingungslos standhalten:


von apathisch bis animalisch

 

sollte die reihe muscheln nicht besser orthogonal statt parallel zum bühnenrand liegen? ´wäre es nicht symbolträchtiger, wenn sich statt idomeneo sein unschuldiger sohn die hände versehentlich an den muscheln blutig stieße? wenn er nicht am strand laufen oder sitzen würde, sondern verzweifelt am boden läge?


oder: wie wäre es, wenn die tochter in jephte ihrem vater beim wiedersehen in den armen hinge wie ein leichnam? könnte einem vater, der sein kind animalisch wie ein löwe umkreist nicht die anstehende tötung besser abgenommen werden?

 

und schließlich: erinnert das aufdröseln des wolltuchs in der gluck-oper nicht zu sehr an das altbekannte bild des ariadne-fadens? sollten orpheus und eurydice nicht besser nebeneinander starr, fast apathisch ins publikum blicken statt, wie es naheliegt, in der diagonalen aneinander zu zerren?

dramaturgische tipps

 

fragen, die uns zuschauer anregen, näher hinzublicken. faszinierend, dem regisseur beim denken zuzuschauen. stück für stück schälen sich so die bausteine von audis ästhetischen gerüst heraus - erwartbares vermeiden, stets nach der plausibilität des figurenverhaltens fragen, spätere handlungen subtil vorankündigen.


mit auf den weg gibt pierre audi den angehenden dramaturgen und regisseuren auch die anregung, die körperbewegungen durchaus konträr zur musik zu setzen.

 

alles in allem: ein wertvoller einblick in klassische dramaturgiepraxis. eine masterclass, die die augen öffnet für das, was wirkungsvolles inszenieren vermag. schade, dass das nach drei jahren die letzte masterclass mit pierre audi ist. aber man arbeite schon an einem nachfolgeprojekt, lässt theaterwissenschaftsleiterin kati röttger am ende wissen. gute idee!

 


1. november 2016// vortrag und offene masterclass mit pierre audi// honorary fellow music theatre// uva. university theatre. nieuwe doelenstraat 16-18. 1012cp amsterdam// organisation: ricarda franzen (theaterwissenschaft)/ kaspar van kooten (musikwissenschaft)